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Der wilde Lauf ins Neue Jahr

Verantwortlicher Autor: Ortsverein Schnett/Klaus Koch Schnett, 31.12.2025, 10:33 Uhr
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Schnett [ENA] Sagen, Sitten und Bräuche sind Geschwister, die Botschaften aus längst vergangenen Zeiten vermitteln. Unser Thüringen ist reich an Sagen und Brauchtümern, die ein fester Bestandteil unseres kulturellen Lebens sind. Diese Botschafter aus vergangenen Zeiten werden sorgsam behütet und Jahr für Jahr durch die Ortsbevölkerung gepflegt und so wie vor Jahrhunderten von Generation zu nachfolgenden Generationen weitergegeben.

Gerade im Zeitraum der Raunächte zum Jahreswechsels werden wie in unserem Heimatort Schnett Bräuche und Rituale gepflegt, die über Jahrhunderte hinweg dazu dienten, die bösen Geister zu vertreiben sowie Gesundheit und Fruchtbarkeit zu beschwören. So auch die Herrschekloese- strohvermummte Gestalten, die jährlich am 23. Dezember ihr Brauchtum in der Ortschaft Gethles pflegen. In der Abgeschiedenheit der Ortschaft Schnett und dessen geschichtlichen Entwicklung sowie die beharrlich feste kulturelle Traditionspflege seitens der Ortsbevölkerung ist es zu verdanken, dass dieser einzigartige Brauch der Hullefraansnacht noch existiert.

Die Ursprünge der Ortschaft Schnett sind bis in die Keltenzeit zurückzuverfolgen. Der Hausberg der Schnetter, der Simmersberg, früher als „Symetsberg“ wurde zur Keltenzeit für sogenannte Synets oder Zimetsfeuer Wacht- und Freudenfeuer genutzt. Die erste urkundliche Erwähnung der Ortschaft Schnett erfolgte im Jahr 1416 in einer Geschenkungsurkunde an das Kloster Fulda Erwähnung. Es ist aber davon auszugehen, dass unsere Heimatregion bereits früher besiedelt wurde und eine Brauchtumspflege im Rahmen der 3. Fränkischen Siedlungsperiode Einzug hielt.

Die Hullefraansnacht

Die Hullefraansnacht ist eine Ableitung von alten germanischen Bräuchen, dessen Ursprünge bis in die Zeit der Kelten zurückführt und zu den Fruchtbarkeits- und Reinigungskulten gehört. Dieser Brauch gehört zu den Brauchtümern der dunklen Jahreszeit, die im Verlauf der Raunächte zum Jahreswechsel am 2. Januar vollzogen wird und im kleinen Gebirgsdorf Schnett bis in heutiger Zeit erhalten geblieben ist. Es ist der kulturelle Höhepunkt der Brauchtumspflege in Schnett und wird durch Jung und Alt der Ortsbevölkerung aktiv betrieben.

Alle Jahre wieder kann man diesen einzigartigen Brauch am 2. Januar in der Ortschaft Schnett erleben. Bei Einbruch der Dunkelheit hallt es „Eins, zwei, drei Jaaa „von überall durch die Stille des winterlichen Dorfes. Gespenstisch weht der Schnee von den schiefergedeckten Dächern. Immer wieder gellt ein schauriges Gebrüll und wildes Gebrumm durch die Gassen. Die Kuhglocken rasseln. Nach der Sage zogen zum Jahreswechsel der germanische Gott Wotan und seine Frau Hulle über den 780 Meter hohen Simmersberg, den Hausberg der Schnetter. Frau Hulle, eine weiße Gestalt mit roter Schärbe und weißem Kleid und einer Mütze auf dem Kopf zieht durch den Ort. Sie ist gekommen, den Winter und die bösen Geister des alten Jahres zu vertreiben.

Frau Hulle wird durch ein wildes Heer von etwa 25 schaurigen Gestalten wie Bären, Hexen, Teufel, den wilden Jäger, der schwarzen Wilden und der Ströhernen begleitet. Der wilde Herr hat sich niedergelassen und schwirrt durch alle Gassen des Ortes. Frau Hulle will sie beschwichtigen. Die Schar tritt in die Stuben der Schnetter und den gastronomischen Einrichtungen ein. Ein jeder, sei es Gast oder einheimischer Schnetter erhält durch die Gestalten drei symbolische Schläge mit einer Gerte, bestehend aus drei zusammengebundenen Weidenruten, auf dem Rücken. Diese symbolischen Schläge soll die Menschen reinigen und das Böse in Ihnen vertreiben. Dieses Tun wird mit Glückwünschen für Gesundheit und Wohlergehen begleitet.

Jeder, der die glücksbringenden Schläge erhalten hat, dank mit einer kleinen Gabe in klingender Münze oder Speisen. Spät am Abend kommt die „Ströherne“ eine ganz in Stroh bekleidete Gestalt. Sie ist das Zeichen für die Fruchtbarkeit. Auch die „Ströherne“ verteilt ihre glücksbringenden und für Körper und Seele wohltuenden Schläge. Sie führt einen kleinen Strohbüschel mit sich, von dem man sich einen kleinen Strohhalm abbrechen kann. Dieser Strohhalm soll bei guter Aufbewahrung das ganze Jahr über Glück bringen.

Zu Abschluss des Abends taucht die „Wilde“ in den Gaststube/ Hotel Frankenblick auf. Sie ist ganz schwarz und nur spärlich bekleidet. Sie soll an das Böse im Leben erinnern. Wo sie auftaucht, beginnt ein Springen, Toben und lautes Geschrei. Sie klopft und springt auf Tische. Rutenstreiche verteilend, endet erst in der Nacht der wilde Lauf ins neue Jahr.

© Fredi Hofmann
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