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Karaoke – Singen, bis das Mikro glüht

Verantwortlicher Autor: Herbert J. Hopfgartner Salzburg, 02.06.2023, 21:22 Uhr
Presse-Ressort von: Prof.Mag.art.DDr.phil. Hopfgartner B.A. Bericht 11062x gelesen

Salzburg [ENA] Gewiss, Musik hat seit jeher einen großen Einfluss auf den Menschen - sowohl auf den Körper als auch auf den Geist. Wir hören den ganzen Tag über Geräusche, Klänge, Töne und Musik. Manche musizieren sogar selbst und üben jahrelang, um ein Instrument noch besser zu beherrschen und bestimmte Werke noch schöner spielen zu können. Warum aber greift man zum Mikrophon, wenn man vielleicht gar nicht (so gut) singen kann?

Für die einen ist es ein banausenhafter Zeitvertreib, bei dem zu billig produzierter Musik oft genug ziemlich schräg bis falsch gesungen wird. Für die anderen ist es eine musikalisch-sportliche Paradedisziplin, bei der nicht nur der olympische Gedanke („Dabei sein ist alles“), sondern auch der Ehrgeiz zählt, möglichst viele Songs möglichst stilsicher interpretieren zu können. Offenkundig setzt die Musikindustrie in diesem Genre jährlich einige Milliarden Dollar um – das Geschäft mit dem Nachsingen boomt also seit vielen Jahren…

Karaoke, die aus Japan stammende musikalische Freizeitbeschäftigung – eigentlich ein Kofferwort aus „Kara“ (jap. für „leer“) und „Oke“ (jap. Kurzwort für „Orchester“, eigentlich „Okesutora“) – fasziniert seit nunmehr 50 Jahren Menschen auf der ganzen Welt. In sogenannten Karaokebars werden über ein Soundsystem spezielle Instrumentalplaybacks, also CDs oder Audiofiles ohne Hauptstimme, abgespielt, wobei für den Interpreten der jeweilige Songtext auf einem Bildschirm zu sehen ist. Zur besseren Orientierung ist der zu singende Textabschnitt sogar farblich markiert.

In den 1960er Jahren entwickelte die Plattenfirma „Japan Victor“ sogenannte „Music-Minus-One“-Singles – Zuhörer konnten schon damals die fehlende Singstimme mitsingen oder das Soloinstrument dazu spielen. Daisuke Inoue (*1940), der Erfinder der „Karaoke-Maschine“, musizierte um 1970 im japanischen Kōbe als Schlagzeuger in einer Band, die sich darauf spezialisierte, in einschlägigen Lokalen Begleitmusik für sangesfreudige Geschäftsleute anzubieten. Nachdem ein Kunde diese Art der Musik auf eine Geschäftsreise mitnehmen wollte, gab ihm Inoue eine Musikkassette mit entsprechenden Aufnahmen. Daraus entwickelte sich die „Karaoke-Maschine“, die der Musiker an verschiedene Bars in Japan vermietete.

Da er kein Patent auf seine Erfindung, die sogenannte „8-Juke“, anmeldete, ging er bei der industriellen Fertigung der Geräte durch namhafte Firmen leer aus. Nichtsdestotrotz wurde er vom US-amerikanischen Magazin „Time“ 1999 unter die einflussreichsten Asiaten des Jahrhunderts gewählt. Fünf Jahre später erhielt Inoue den „lg-Friedensnobelpreis“ für das Verdienst, „einen vollkommen neuen Weg zur Verfügung zu stellen, wie Menschen lernen können einander zu tolerieren.“ Der „lgnoble Noble Prize“, also eine Art „Anti-Nobelpreis“, ist ein satirischer Preis für wissenschaftliche Leistungen und Entdeckungen, die „Menschen zuerst zum Lachen, dann zum Nachdenken bringen“.

Angeblich ist es in Japan nicht üblich, in der Öffentlichkeit mit Bekannten und Kollegen über persönliche Ansichten und familiäre Angelegenheiten zu plaudern. So ist nach einem obligaten Austausch von Höflichkeiten oder Belanglosigkeiten relativ schnell eine gewisse Zurückhaltung zu spüren. Offenbar wird das Karaokesingen in Asien als ein willkommener kommunikativer „Türöffner“ gesehen: Rasch und ungezwungen plaudert man über die Gesangsleistungen, die Interpretation und den Mut des Sängers, der ja in der Regel ein Amateur ist. Und nachdem in den Bars ja viele musikalische Laien nacheinander ihre Kunst darbieten, ist für lange Zeit Gesprächsstoff vorhanden.

Diese musikalische Freizeitbeschäftigung stellt für manche Menschen eine Mutprobe und waghalsige Unternehmung dar, für andere hingegen ist sie eine Selbstbestätigung bzw. der schlagende Beweis für ihr künstlerisches Talent. Das Hobby dient zur Unterhaltung, Kontaktaufnahme und zum kollektiven Stressabbau. Auch wenn andere Barbesucher und Partygäste sich nicht präsentieren bzw. akustisch „entblößen“, scheinen sie die gesellige Atmosphäre und die Rolle des Zuhörers bzw. „Fans“ zu genießen.

Während also couragierte, selbstbewusste und furchtlose Zeitgenossen unter dem oft frenetischen Gejohle der übrigen Gäste die Bühne betreten und über ein Mikro selbstgewählte Lieder zum Besten geben, bejubelt das Publikum – in der Regel Freunde, Kollegen und Bekannte – mehr oder weniger gelungene, mitunter sogar groteske bis bizarre Gesangskünste. Das Spiel um das exhibitionistische Sich-Zeigen und das voyeuristische Zuhören bzw. Zuschauen kennt aber nicht nur den ehrlichen Applaus – mitunter scheint der Reiz gerade darin zu bestehen, einen Sänger oder eine Sängerin scheitern zu sehen.

Wenn selbsternannte Schlagersänger bekannte Songs so schlecht intonieren oder laufend Einsätze verpassen, dass die Zuhörer schon aufgrund der skurrilen Situation und nicht zuletzt auch durch den übermäßigen Konsum von Alkoholika vor Schadenfreude lachen, paart sich hier möglicherweise die Lust auf Spannung mit leicht sadistischen Elementen. Diesbezüglich sind auch Realityshows zu hinterfragen, in denen abgetakelte Stars und Sternchen ekelerregende Mutproben bewältigen müssen. Relativ hohe Einschaltquoten lassen vermuten, dass sich genügend neugierige Zuschauer an diesen abstoßenden und unappetitlichen Szenen begeistern.

Eigentlich möchte das Publikum gar nicht mehr hinhören, andererseits verdrängen Lustgefühle den widerlichen Eindruck ob der grottenschlechten Interpretation des bekannten (und vielleicht sogar beliebten) Liedes. Offenkundig werden hier infantile Lüste ausgelebt, wobei das schlecht erzogene Verhalten sich selbst zu genießen scheint: Man lässt Spott und Häme über den Sänger ergehen, indem man eine völlig übertriebene Begeisterung heuchelt oder den Sänger gnadenlos ausbuht. Damit bricht man Tabus.

Die Boshaftigkeit, sich über das schlechte Singen lustig machen zu dürfen, das Überschreiten von Geschmacksgrenzen und das Gefühl, dass der Sänger ja aus eigenem Antrieb für die Anwesenden singt, erzeugt bei den Zuhörern möglicherweise ein narzisstisches Machtgefühl. Der Reiz des Schönen verbraucht sich – auf dieses Phänomen machte schon Aristoteles aufmerksam. So wundert es nicht, dass auch das Schreckliche, ein Skandal oder groteske und bizarre Situationen Zuschauer und -hörer anziehen und faszinieren.

Schaulustige, Gaffer und übereifrige Lauscher wollen bei einem „Grande Spettacolo“ unbedingt dabei sein. In ihnen kämpfen Neugier und Informationsinteresse – auf jeden Fall will ihr emotionaler Erfahrungshorizont erweitert werden. Schließlich möchte man es miterleben, wenn sich ein Sänger oder eine Sängerin auf der Karaoke-Bühne exponiert. Dabei findet eine besonders gelungene Interpretation genauso Gefallen, wie ein völlig misslungener Auftritt. Hinsichtlich dieser widersprüchlichen Erscheinung glaubte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch, dass der Mensch ein natürliches bzw. angeborenes Neugiermotiv besitzen würde.

Später diskutierte man in der Psychologie eher ein Schutzmotiv: Durch das Erforschen von unbekannten, unangenehmen und furchtbaren Neuigkeiten würde der neugierige Mensch Informationen suchen, um in Zukunft diesen Gefahren ausweichen zu können. Zudem deuten Wissenschaftler das Bedürfnis, hinzuschauen oder bei einem schaurigen Spektakel dabei sein zu wollen als unbewusst wirkenden Wunsch nach Bestätigung der eigenen Unversehrtheit, Redlichkeit und Integrität – bei gleichzeitigem Miterleben des Leides eines anderen.

Dass falsch intonierende Menschen gerne volltönend und gut vernehmbar singen, ist übrigens kein Phänomen, das man ausschließlich in einer Karaoke-Bar (mit)erleben kann. Schon Franz Grillparzer beobachtete, dass „in der Kirche immer die am lautesten singen, die falsch singen.“

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