Dienstag, 27.02.2024 14:10 Uhr

Digitalisierung und Nachhaltigkeit – ein Widerspruch?!

Verantwortlicher Autor: Herbert J. Hopfgartner Salzburg, 09.07.2023, 18:49 Uhr
Presse-Ressort von: Prof.Mag.art.DDr.phil. Hopfgartner B.A. Bericht 12316x gelesen

Salzburg [ENA] Die digitale Speicherung von Daten und deren elektronische Verarbeitung scheinen Megatrends des 21. Jahrhunderts zu sein. Möglichst viele Menschen sollen mit der digitalen Welt verbunden sein. Gleichzeitig werden ökologische, ökonomische und soziale Aspekte diskutiert: es geht u.a. um naturverträgliche Kreisläufe, eine schonende Nutzung von Ressourcen, Wiederverwertung, Müllvermeidung und faire Arbeitsbedingungen.

In politischen Debatten, insbesondere in Diskussionen um Bildungsreformen, stehen zwei Themen besonders oft auf der Tagesordnung: Einerseits dürfe Europa in der digitalen Entwicklung den Anschluss an den rasanten globalen Fortschritt nicht verpassen. Gerade junge Menschen müssten sowohl in der Produktion von hochwertiger Technologie als auch in deren komplexen Anwendungsbereichen „zukunftsfit“ sein – oder eben gemacht werden. Andererseits betonen Wissenschaftler aus allen Ländern der Erde quasi unisono, dass eine Klimakatastrophe nur durch eine drastische Senkung der Treibhausgase und eine nachhaltige Nutzung der Ressourcen – einschließlich der Energieträger – verhindert werden kann.

Nun stellt sich die Frage, ob und wie die beiden Forderungen miteinander in Verbindung zu bringen sind, oder ob sie sich möglicherweise sogar widersprechen. Anders formuliert: Müssen wir zu Gunsten des Klimas vielleicht unseren digitalen Konsum überdenken und einschränken? Ein paar Daten zum Anfang: (1) In Deutschland benötigen über 3000 Rechenzentren 3% des landesweiten Stromverbrauchs, Tendenz stark steigend. Der Stromverbrauch hat sich in den letzten 15 Jahren verdoppelt. (2) Pro Minute werden in Deutschland 28.000 Videos gestreamt, 695.000 Instagram-Stories geteilt, 69.000.000 Nachrichten versendet. (Für Österreich liegen keine Zahlen vor.)

(3) Weltweit verbrauchen Streamingdienste 200 Milliarden kWh pro Jahr – das ist mehr als der Energiebedarf von Deutschland, Italien und Polen zusammen. (4) Ein durchschnittlicher Gamer verbraucht über 500 kWh pro Jahr für sein Hobby. In Deutschland gibt es 34 Millionen Gamer, weltweit mittlerweile 3 Milliarden. (5) Allein die Digitalwährung Bitcoin verbraucht pro Jahr so viel Strom wie die Niederlande mit 15 Millionen Einwohnern.

Wir benötigen Strom – nur woher? In Deutschland liegt die Stromerzeugung durch erneuerbare Energie bei knapp über 40% – Windenergie (20%), Photovoltaik (8,5%), Biomasse (8,3%) und Wasserkraft (3,2%). Wie bekannt, will unser Nachbar in wenigen Jahren aus der „konventionellen Erzeugung“, also Stromerzeugung aus Kohle (38%), Erdgas (7,4%), Öl (?) und Atomenergie (13,3%), gänzlich „aussteigen“. Woher der Strom dann kommen soll, ist nicht geklärt. Zudem soll der Strombedarf bis 2030 um mehr als 10% wachsen.

In Österreich stammen ca. 80% der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen (61% Wasserkraft, 10% Wind, 6% biogene Brennstoffe, 3% Photovoltaik). Einige Politiker haben vor ein paar Jahren vollmundig verkündet, dass man sich bis 2030 zu 100% mit erneuerbarer Energie selbst versorgen wird können (dieser Wert liegt momentan bei 36,4%). Seit dem „Beinahe-Blackout“ im Januar 2021 ist es um diesen Slogan allerdings sehr ruhig geworden. Warum?

Vielleicht haben einige Volksvertreter die Tatsache verstanden, dass hierzulande in den Wintermonaten, also in Zeiten einer „Dunkelflaute“ und des Niedrigwassers, gut die Hälfte des verbrauchten Stromes seit Jahren aus thermischen Kraftwerken stammt, also in Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerken erzeugt werden muss. Auf dieses Faktum weisen immer wieder Experten wie Gero Vogl (em. Ordinarius für Physik an der Uni Wien) und der Vorstand des Netzbetreibers APG, Gerhard Christiner, hin.

Konsequenterweise dürfte ein umweltbewusster Besitzer eines E-Autos in den Wintermonaten also nur bei genügend Wind und Sonnenschein in sein Gefährt einsteigen. Desgleichen sollte bei ungünstiger Witterung auf Netflix-Serien und das Mining von Bitcoins tunlichst verzichtet werden. Ein zynischer Vorschlag? Gewiss, in einer hedonistischen Gesellschaft wird sich kein Mensch derartige Ge- und Verbote gefallen lassen.

Einer Grafik der Statistik Austria ist weiters zu entnehmen, dass der Strombedarf in Österreich (wenig überraschend) seit den 70er Jahren kontinuierlich gestiegen ist: Haben wir 1970 etwas mehr als 20 Terrawattstunden verbraucht, sind es 1990 schon doppelt so viele gewesen. 2020 hat Österreich immerhin schon 70 TWh Strom konsumiert – 10 TWh (zumindest14%) kamen davon aus Gaskraftwerken. Über das Jahr gesehen importiert Österreich aus dem Ausland zudem ungefähr 10% des Inlandverbrauchs – darunter eben Atomstrom aus Tschechien und wahrscheinlich auch aus anderen Ländern (Quelle: E-Control).

Energie sparen oder / und neue Technologien fördern? Ältere Semester können sich noch gut an die Appelle zum Stromsparen erinnern: „Stromfresser“, wie z.B. Staubsauger und ältere Kühlschränke und Tiefkühltruhen, sollten tunlichst durch neue und sparsamere Geräte ersetzt werden. Nur: Gibt es jetzt in Österreich und in Europa plötzlich genügend Strom für unzählige E-Autos, eine florierende Industrie und eine fortschreitende Digitalisierung? Strom kann man immer noch nicht im großen Maßstab speichern bzw. ohne Verluste über lange Strecken leiten.

Möglicherweise müssen einige Gedankenexperimente angestellt respektive ausprobiert werden: Dass die erneuerbaren Energieträger (gerade Windenergie und Photovoltaik) ausgebaut werden müssen, versteht sich fast von selbst. Dazu müssen aber regionale Politiker, also sich selbst überschätzende Bürgermeister und Landtagsabgeordnete, entmachtet werden – sie haben in den letzten Jahrzehnten tatenlos zugeschaut, wie Regionen zersiedelt und Böden versiegelt worden sind, wie gesichtslos sich Gemeinden entwickelt haben (Gewerbegebiete!); gerade sie behindern Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP).

Für mehrtägige wind- und sonnenarmen Phasen sowie Niedrigwasser wird es weiterhin Gaskraftwerke geben müssen – nur sie stellen ein stabiles Rückgrat eines funktionierenden Energiesystems dar. Möglicherweise können sie zukünftig auch mit Biogas, Wasserstoff oder synthetischem Methan befeuert werden. Des Weiteren benötigen Privathaushalte leistungsstarke Batterien und Wärmespeicher, die durch Windkraft und Photovoltaikanlagen gespeist werden, die genau dann Autos und andere E-Geräte aufladen, wenn viel Strom zur Verfügung steht bzw. keine Spitzenlastzeiten einen Engpass an Energie befürchten lassen.

Hinterfragt werden muss auch, zu welchen Zeiten Großunternehmen und die Industrie die meiste Energie verbrauchen, und ob nicht auch hier ein besseres „Timing“ möglich wäre. Überschüssiger Strom – bis jetzt eher ein Problem (Stichwort: mangelnde Leitungen) – müsste genützt werden, um Wasserstoff und Methan zu erzeugen, um Kraftwerke mit günstigem Brennstoff zu versorgen. Im selben Moment könnten Gaskraftwerke heruntergefahren werden und als stille Reserven dienen. Vielleicht werden auch neue technische Möglichkeiten gefunden, Energie zumindest mittelfristig zu speichern – dann wären Dunkelflauten, Niedrigwasser oder ein schwankender Energiebedarf (bzw. eine Energie-Überproduktion) kein größeres Problem mehr.

Und jetzt? Im Augenblick ist es wohl angebracht, selbstkritisch unsere Gewohnheiten und Vorlieben zu hinterfragen: Wer Energie verschwendet, weil er nicht auf einen luxuriösen Lebensstil verzichten will, braucht nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen, die vermeintlich noch mehr konsumieren bzw. rücksichtslos Ressourcen verbrauchen. Die Digitalisierung unserer Welt ist wichtig und unumkehrbar, sie verbraucht aber auch viel Energie. So sollten Zeitgenossen, insbesondere Technikfreaks, die im Computer ein Allheilmittel für alles sehen, ihre Haltung gründlich überprüfen.

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