Mittwoch, 21.08.2019 20:43 Uhr

"Nur der Reisende erkennt den wahren Wert des Menschen."

Verantwortlicher Autor: Herbert J. Hopfgartner Salzburg, 03.07.2019, 09:10 Uhr
Presse-Ressort von: Prof.Mag.art.DDr.phil. Hopfgartner B.A. Bericht 3319x gelesen

Salzburg [ENA] Sommer, Urlaub, Ferien! Ein ganzer Kontinent scheint auf Reisen zu gehen. Die Sehnsucht auf ein "Dolcefarniente", ob man nun diesen Zustand in bella Italia, auf einer griechischen Insel oder sonst wo genießen kann, scheint riesengroß zu sein. Die Devise lautet: "Einfach weg!" Nicht wenige Mitmenschen versprechen sich von dieser "Auszeit" etwas Außergewöhnliches, Spannendes oder aber Abwechlung zum grauen Alltag.

Viele sonnenhungrige Mittel- und Nordeuropäer zieht es vornehmlich in den Süden oder sogar in die exotische Ferne, während manch’ anderer auf nicht ausgetretenen Pfaden rare und vom großen Tourismusstrom noch nicht entdeckte Kostbarkeiten in der näheren Umgebung aufspürt. Im 20. Jahrhundert ist eine gewaltige Industrie entstanden, professionelle Urlaubsanbieter präsentieren sowohl Traumreisen als auch Pauschalangebote all inklusive, sogar einschließlich einer Versicherung gegen jede Widrigkeit: Das, was auf dem Prospekt abgebildet ist und versprochen wird, will man schließlich auch so erleben. Und zwar genau so, ohne Überraschungen.

Etwas verwegenere Menschen suchen dagegen das Abenteuer: Mit wenig Gepäck reisen sie, ein paar Habseligkeiten in einem Rucksack verstaut, durch wilde, gefährliche Gegenden der Welt. Zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewegen sie sich in fremden, bisweilen politisch unsicheren Ländern und suchen den Kontakt zu den Einheimischen. Alles reist, so scheint es. Jeder auf seine Art. Allerdings ist das Reisen als „Freizeitbeschäftigung“ in Bezug auf die Menschheitsgeschichte ein eher modernes Phänomen.

Vom Wortsinn her deutet das Reisen, vgl. auch das indogermanische „or-“ das lat. „orĭrĭ“ und griech. „ órnymai“, auf ein „Sich erheben“ und einen „Aufbruch“. Im Mittelalter dachte man da wohl an einen „Beutezug“, eine „Heeresfahrt“ oder eine „Pilgerreise“. Gläubige Menschen machen sich seit Jahrhunderten auf den Weg zu einer heiligen Stätte: Christliche Pilgerreisen führen beispielsweise nach Rom, Jerusalem und Santiago de Compostela, Muslimen sollten immerhin einmal in ihrem Leben einen Haddsch nach Mekka unternehmen, fromme Hindus wiederum strömen nach Varanasi, um dort ein rituelles Bad im Ganges zu nehmen.

Spirituelle Reisen in den großen Weltreligionen gelten seit jeher als traditionelles Mittel zur Seelenreinigung, Heilung von Gebrechen oder zur Vergebung von Sünden. Im Rahmen dieser Pilgerreisen kam man nicht nur mit anderen Kulturen und Sprachen in Kontakt, man entdeckte auch andere Moden, Speisen, Gewürze und Schmuck. Daraus entstandene Tauschgeschäfte und Handelsreisen waren die logische Folge. Die Seerepublik Venedig verdankt dem Handel mit dem Orient eine jahrhundertelange Vormachtstellung in ganz Europa, venezianische Kaufmänner befuhren auf viele Routen das Mittelmeer.

Entdeckungsreisen der Spanier und Portugiesen sowie der Einfall Napoleons in die Lagune beendeten schließlich das Monopol der Venezianer, schufen aber gleichzeitig neue Destinationen. Von den großen Fahrten erzählte man sich früher phantastische Geschichten, literarisch verewigte Vorbilder gab es ja bereits in den großen Mythen der Antike: Homers Odysseus, Vergils Aeneis, aber auch die Geschichten um Sindbad, den Seefahrer, beschreiben die Heldentaten von Männern, die mit Mut, Witz und anderen Tugenden zahlreiche Abenteuer und Gefahren bestanden und folglich als Ideal des wagemutigen Mannes galten.

Noch in den Klassikern von Jonathan Swift (Gullivers Reisen), Daniel Defoe (Robinson Crusoe) und vor allem Jules Vernes (Reise um die Erde in 80 Tagen, 5 Wochen im Ballon, Reise zum Mittelpunkt der Erde,…) lebten die alten Helden, allerdings in zeitgemäßerer Form, weiter. Die Protagonisten in den Reiseromanen fungierten als Identifikationsfiguren für den interessierten und gebildeten Menschen, der als begeisterter Leser in die Gestalt eines Entdeckers schlüpfen konnte.

Als „der“ Forschungsreisende und Universalgelehrte ist Alexander von Humboldt (1769-1859) zu nennen, der schon zu Lebzeiten als „zweiter Kolumbus“, „Wissenschaftsfürst“ und „der neue Aristoteles“ gewürdigt, in seinem über sieben Jahrzehnte währenden Forscherleben unermüdlich die entlegensten Gebiete der Welt besuchte, sorgfältig beschrieb, zeichnete und vermaß. Es wundert nicht, dass man in den Zeiten der Aufklärung junge Aristokraten und später auch Sprösslinge aus großbürgerlichen Häusern auf Bildungsreisen schickte: Ähnlich den großen Vorbildern sollten sie – erstmalig über Freizeit und finanzielle Mittel verfügend – einige fremde Länder bereisen und andere Sitten und Gebräuche kennen lernen.

Was lässt den modernen Menschen zu einer Reise aufbrechen, wenn doch kaum mehr weiße Flecken auf der Landkarte übrig sind? Idyllische Sandstrände und einsame Buchten sind längst erkundet; wo die strahlende Sonne blitzt und das blaue Meer lockt, stehen schon Liegestühle und Sonnenschirme bereit. Andernorts werden geführte Touren, organisierte Veranstaltungen und spektakuläre Events für die Feriengäste angeboten. Flugzeuge, Kreuzfahrtschiffe und selbst das Auto bringen einen fast überall hin, wer es exotischer oder spannender haben will, chartert eine Yacht, den Hubschrauber oder einen Heißluftballon. Die Welt ist jedenfalls klein geworden. So klein, dass wir fast jeden Ort auf den Globus erreichen können.

Dass historische Stätten, einzigartige Naturwunder und faszinierende Altstädte immer größer werdende Massen an Touristen anlocken, wird mittlerweile mit Sorge verfolgt. Verantwortliche Politiker in Salzburg, Dubrovnik, Venedig und in den Orten der Cinque Terre überlegen Tageskontingente, Steuern für Kurzzeittouristen sowie Sperren und Abweisungen, weil Reisende in Form riesiger Touristenschwärme inzwischen eine Gefahr für die Infrastruktur (Verkehr, Mietpreise, Geschäfte, Müll…) einer Stadt oder eines ökologisch sensiblen Gebietes darstellen können.

Wie ist es nun um den Reisenden bestellt, der in eine völlig andere Welt eintauchen möchte und Herausforderungen, vielleicht sogar tiefe Erkenntnisse und Einsichten sucht? Für ihn macht es durchaus Sinn, sich (bei aller Vorsicht) dem Fremden und Exotischen auszusetzen. Es berührt ihn ja vor allem das Unvorhergesehene und Unplanmäßige – zum Beispiel der Einkauf auf einem fremden Markt, das Erkunden halbverfallener Gassen und stiller Plätze eines abgelegenen Dorfes, das Hören ungewohnter Musik, das Verkosten exotischer Speisen und Getränke, der achtsame Umgang mit Einheimischen, das Kennenlernen einer so unbekannten Alltagskultur…

„Etwas Neues erleben“, „Abschalten“, „Erholung von den Strapazen des Alltages“ sind Qualitäten, die viele Menschen mit den Begriffen „Urlaub, Ferien, Reisezeit“ in Verbindung bringen. Das Genießen einer freien Zeit, das „Nichts tun müssen“, „die Seele baumeln lassen“ sind zudem sehr wertvolle und gesunde Gegenentwürfe zur fremdbestimmten Zeit der Arbeit- und Berufswelt. Gleichwohl sind es doch die nachhaltigen Eindrücke, berührenden Begegnungen und unverwechselbaren Wahrnehmungen einer bisher fremden Kultur oder Natur, die besonders intensiv im Gedächtnis bleiben und von denen man so lange zehrt – und die einen verändern, vielleicht sogar zu einem anderen Menschen machen!

Der islamische Mystiker und Sufi Dschallad ad-Din ar Rumi (1207-1273) sagte einst: „Unternimm eine Reise, mein Freund, vom Ich zum Selbst!“ Dieser (durchaus beschwerliche) Weg ist wohl nicht immer gerade. Dafür birgt er für den, der aufbricht, manch Überraschungen und lohnende Erlebnisse. (P.S.: Das anfängliche Zitat gibt ein maurisches Sprichwort wieder.)

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