Mittwoch, 22.09.2021 02:00 Uhr

Murphys Gesetz und die Schwächen der Demokratie

Verantwortlicher Autor: Herbert Hopfgartner Salzburg, 17.08.2021, 15:47 Uhr
Presse-Ressort von: Prof.Mag.art.DDr.phil. Hopfgartner B.A. Bericht 3878x gelesen

Salzburg [ENA] Die Kurzfassung der Lebensweisheit, wonach „alles, was schief gehen kann, auch schief gehen wird“ („Whatever can go wrong will go wrong.“) lässt sich aller Wahrscheinlichkeit nach auf John W. Campbell (1910-1971) zurückführen. Viel bekannter hingegen wurde der Spruch als Murphys Gesetz („Murphy’s Law“). Die mittlerweile zur Redensart gewordene Phrase hat wenig mit Zufall, sondern eher mit einer Notwendigkeit zu tun.

Nach einem fehlgeschlagenen Experiment der US-Air-Force meinte der Techniker und Ingenieur Edward A. Murphy sinngemäß, dass, wenn es mehrere Möglichkeiten geben würde, eine Aufgabe zu erledigen, und eine davon endete in einer Katastrophe, unweigerlich dieser Unglücksfall passieren würde. Sodann ein Gedankensprung: Das Misstrauen gegenüber der Demokratie als die bestmögliche Regierungsform wächst. Bezeichnenderweise auf der ganzen Welt. Auch überzeugte Befürworter des Systems und gutgläubige Idealisten, die die Rolle des aufgeklärten, selbstbewussten und zur Mitbestimmung qualifizierten Bürger lange Zeit hochgehalten und verteidigt haben, beginnen über das Verhältnis des Volkes zu den Regierenden (und umgekehrt) ernsthaft nachzudenken.

Unterschiedliche Aspekte werden als Grund für die schlechte „Performance“ vieler westlicher Staaten angesprochen: (1) Viele Politikverdrossene sind der Meinung, dass in erster Linie ungeeignete, über-forderte und korrupte Politiker verantwortlich für die gegenwärtige Misere sind: Anstatt den Interessen und Bedürfnissen der Menschen zu dienen, würden die Volksvertreter lediglich auf die Erhaltung der eigenen Macht schielen bzw. in die eigene Tasche arbeiten. Überdies traut man den meisten Politikern die Autorität und Kompetenz, wichtige und akute Probleme zu lösen, schlichtweg nicht (mehr) zu.

(2) Länger dienende und vielleicht auch selbstgefällige Politiker sehen indes das gemeine Wahlvolk als das eigentliche Problem an: Gerade bildungsferne, kurzsichtige und auf den eigenen Vorteil bedachte Menschen seien zu unüberlegt, um eine rationale und langfristig wirksame Politik zu verstehen oder aktiv zu unterstützen. Nachdem große Teile der Bevölkerung geradezu nach einer kurzsichtigen Politik („Brot und Spiele“) verlangen – und Politiker, um die nächsten Wahlen zu gewinnen, diesen Wunsch selbstredend erfüllen – versagt verständlicherweise das ganze System.

Wählern wie Politikern gleich ist der Wunsch nach einer „Befreiung“ von der jeweilig anderen „Kaste“: Die von der Politik Enttäuschten würden am liebsten alle Politiker abschaffen oder in die Wüste schicken – oftmals ohne eine demokratisch legitime Alternative bzw. einen sinnvollen Denkanstoß anzubieten. Die politische „Elite“ hingegen würde nicht ungern den einfältigen, klein karierten und auch ewig nörgelnden Wählern das Wahlrecht kurzerhand entziehen. Eine logische aber praktisch nicht durchsetzbare Konsequenz wäre eine offizielle „Kompetenzprüfung“ bzw. ein objektives Auswahlverfahren für angehende Politiker, respektive eine staatsbürgerliche „Intelligenzprüfung“ für angehende Wähler.

Nur: Eine unabhängige Kontrolle würde weder der (ach so befähigte) Politiker noch der selbstbewusste Wähler zulassen. Dass aber in geschlossenen Systemen besonders viele Fehler passieren, kann bei Murphy und vielen anderen nachgelesen werden. Das Dilemma ist also groß: Verlieren die Wähler (noch mehr) an Gewicht, wird das politische Establishment wohl noch egoistischer und eigennütziger handeln; gewinnt der „Pöbel“ noch mehr an Macht, werden die Ansagen populistischer Volksvertreter noch irrationaler ausfallen.

(3) Möglicherweise sind aber weder die politisch Gewählten noch die Wähler das ursächliche Problem. Was krankt, ist das System selbst. Für Verfechter dieses Arguments zeigt sich die Mangelhaftigkeit der Demokratie allein schon in einem wesentlichen Instrument der Entscheidungsfindung, nämlich im Mehrheitsprinzip. Die Macht der Mehrheit überrollt jeden noch so klugen und weitsichtigen Gedanken eines Einzelnen oder einer kleinen Gruppe. Der Slogan „Die Lautstarken sind nur deshalb so stark, weil sie lautstark sind“ scheint eine bittere Wahrheit auszusprechen.

Weise und leise vorgebrachte Argumente bleiben im medialen Blitzgewitter ungehört. Dazu kommt, dass sich Regierende, um ein für sie genehmes Abstimmungsergebnis zu erreichen, oft und gerne eigener Netzwerke und Lobbyisten bedienen, die systematisch und kontinuierlich eine regierungsfreundliche Stimmung in der Bevölkerung verbreiten. Die Öffentlichkeit erfährt ununterbrochen und ungefragt aus großzügig geförderten und gleichgeschalteten Boulevard-Medien, wie sie zu fühlen, denken und wählen hat.

(Nicht nur) nach Edward A. Murphy wird schnell klar, dass die demokratische Gesellschaft fast alle beteiligten Menschen überanstrengt und Fehler geradezu provoziert: Staatspolitische Geschicklichkeit würde großes Wissen, Erfahrung und Verantwortungsbewusstsein voraussetzen – Qualifikationen und Qualitäten, die kaum ein Politiker und wenn dann erst nach seiner Karriere vorweisen kann. Obwohl nicht wenige Volksvertreter an banalen wie fachspezifischen Leistungen oder allgemein menschlichen Qualitäten scheitern, bleiben diese, völlig überfordert und schon deswegen als ungeeignet überführt, jahrelang in ihren Ämtern.

Angesichts der Tatsache, dass der Beruf des Politikers einen üblen Ruf genießt und die hierarchischen Strukturen in den Parteien gnadenlos sind, darf auch gefragt werden, ob es intelligente und integre Menschen überhaupt (noch) in die Politik zieht! Das gleichsam überforderte Wahlvolk ist vielfach bestrebt sich die große weite Welt als auch die politische Bühne zu vereinfachen – schnelle und einfache Antworten auf die komplexesten und schwierigsten Probleme sind da sehr gefragt. Gleichwohl ahnen die meisten insgeheim, dass große gesellschaftliche oder sogar global bedeutende Aufgaben nicht von einem Politiker oder einer Partei allein gelöst werden können.

Nein, der Bürger scheint wirklich nicht der Souverän zu sein: Seine Verantwortung für die „Res publica“ kann und will er anscheinend nicht wahrnehmen. Zudem zeigt der Staat oft genug, was er von der Demokratie wirklich hält. Die meisten sozialen Strukturen werden durch Zwangsverhältnisse organisiert. Hierarchische Ordnungen, Gesetze und Vorschriften, Steuern, gesetzlich geregelte Körperschaften (Bildungseinrichtungen, Sozial- und Kranken-versicherung, Bünde und Kammern mit unfreiwilliger Mitgliedschaft) verfolgen den angeblich freien Bürger auf Schritt und Tritt.

Beispielsweise sollte auch das Geld als ein „verbindliches Rechtsdokument“, verwaltet und reguliert von wirtschaftlichen Einrichtungen, kontrolliert von staatlichen Institutionen, den Austausch von Waren und Dienstleistungen vermitteln und sicherstellen. Was passiert stattdessen? Inkompetente Finanzpolitiker und anonyme spielsüchtige Finanzkreise verspekulieren fremdes Geld, ohne jemals zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Fazit: Die Demokratie als das bisher am besten funktionierende Gesellschaftssystem leidet unter pathologischen Macharten bzw. systemimmanenten Schwächen. Murphys Gesetz lehrt Wachsamkeit – und die Weisheit, dass nur ein prüfender Blick von außen, also von nicht im System befindlichen Kontrollinstanzen, sinnvoll ist und eine Katastrophe verhindern kann. Nur die sind nicht in Sicht!

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