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"Grüß Gott" oder "Guten Tag" - eine Wiener Posse

Verantwortlicher Autor: Prof. Mag. DDr. Herbert J. Hopfgartner Salzburg, 18.12.2022, 10:39 Uhr
Presse-Ressort von: Prof.Mag.art.DDr.phil. Hopfgartner B.A. Bericht 10638x gelesen

Salzburg [ENA] Karl Kraus hatte wohl recht, wenn er meinte: "Nicht grüßen genügt nicht. Man grüßt auch Leute nicht, die man nicht kennt." Wem das schon zu kompliziert ist, dem sei nahegelegt: Man kann es auch beim Grüßen nicht jedem recht machen. Ein jüngstes Beispiel aus der unfreundlichsten Weltstadt zeigt, wie schwierig es ist, wenn sich zwei politisch unterschiedlich gesinnte Zeitgenossen begegnen...

Neulich in Wien: Ein SPÖ-Parlamentarier herrscht eine höflich grüßende, niederösterreichische Kollegin an: „In Wien heißt das nicht ‚Grüß Gott‘, sondern ‚Guten Tag‘!“ Am nächsten Tag war in allen einheimischen Tageszeitungen von einem handfesten Skandal und politischen Eklat zu lesen! Dem Autor dieser Zeilen passierte übrigens ähnliches – in einem kleinen, unscheinbaren burgenlandkroatischen Dorf. Nachdem er auf Deutsch gegrüßt hatte, musste er hören: „Bei uns heißt es ‚Dobra večer!‘ und nicht ‚Guten Abend‘!“ Haben wir im Moment nicht andere Sorgen? Und – gibt es in diesem Land beim Grüßen wirklich so große Sprachbarrieren? Offenbar muss man genau überlegen, wen man wo, wann und vor allem wie grüßt…

Dass der fromme Gruß, wonach „Gott dir freundlich begegnen solle“, vor allem in katholisch geprägten Ländern verwendet wird, mag nicht sonderlich überraschen. Übrigens wird dieser Segensgruß („Grüß Gott!“) oft missverstanden; keineswegs fordert er auf „Gott zu grüßen“ – darum sind flapsige Antworten, wie z.B. „wenn ich ihn überhaupt sehe“ oder „hoffentlich nicht allzu bald“ bestenfalls halblustige „Themaverfehlungen“. Nichtsdestotrotz wird die Gepflogenheit in bäuerlichen, dörflichen – also christlich aktiven oder intakten Gebieten nach wie vor geschätzt – und gelebt.

Der Optativ, also ein irrealer Modus, der sich auf wünschenswerte, aber nicht notwendig realistische Ereignisse bezieht, kann im Übrigen auch mit einem Konjunktiv („Gott möge dir freundlich begegnen“) umschrieben werden. Das eher pragmatische und neutrale „Guten Tag!“ verbindet man traditionell – zumindest in Österreich – mit der Arbeiterschaft und industriell Werktätigen. So wie eben Bauern und ÖVP-Wähler sich mit „Grüß Gott!“ begegnen, sprechen sich sogenannte „Hackler“, m.a.W. bekennende Proletarier und langjährige SPÖ-Wähler, mit einem solidarisch-gesinnten „Guten Tag“ an. Eingefleischte Linke heben zusätzlich auch die Hand zur Faust, wobei das laut ausgesprochene „Freundschaft“ mit dem Brustton der Überzeugung ausgesprochen wird.

Gewiss, in einem Land, in welchem Autofahrerclubs, Sportvereine, Wohnbaugenossenschaften und andere Institutionen streng nach einem großkoalitionären Proporz geregelt sind, darf die Aufteilung der Grußformel nach dem Parteibuch nicht fehlen. Nicht-Parteigänger finden diese markante Trennlinie allerdings als nahezu obszön – auf jeden Fall aber als antiquiert und anachronistisch. Mit „Servus“ (lat. „Sklave, Diener“) grüßt man (außer in bayrischen Landen) vor allem Bekannte und Verwandte. Die verkürzte Formel für „Ich bin dein Diener“ oder „zu Diensten“ bezeugt eine Vertrautheit und Freundschaft – eine politische Konnotation scheint da doch zu fehlen.

Das eher inhaltslose, aber international gebräuchliche und überall verständliche „Hallo“ oder „Hi“ der Jugendsprache wird bei manchen Älteren nicht unbedingt gern gesehen: Nicht gerade selten versuchen Erwachsene, verwandten Kindern und Jugendlichen beizubringen, dass wenigstens ein persönliches „Grüß dich“ („Griaß di“) oder ein eher förmliches „Grüß Gott“ angebracht ist. Gänzlich unverständlich erscheint es dem Alpenländer, dass das norddeutsche „Moin, moin“ zugleich Begrüßung, Abschiedsfloskel und abendlicher Trinkspruch zu sein scheint.

Das venezianische „Ciao“, eigentlich dem byzantinischen Griechisch entlehnt, bezeichnet ebenfalls den „Diener“ (ital. „schiavo“ = „Sklave, Diener“); in Österreich als definitiver (und beliebter) Abschiedsgruß bekannt, wird er in Italien auch bei der Begrüßung verwendet. So steht eines wohl fest: Es ist gar schwierig richtig zu grüßen. Zudem weiß man nicht einmal, wie oft man einen Kuss nun bei der Begrüßung und beim Abschied „anbringen“ darf. Ein- bis zweimal (Lateinamerika), zweimal (Deutschland), dreimal (Italien) oder gar noch öfter (Paris)?

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