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Friedrich Wilhelm Herschel - Musiker oder doch Astronom?

Verantwortlicher Autor: Herbert J. Hopfgartner Salzburg, 24.06.2022, 16:49 Uhr
Presse-Ressort von: Prof.Mag.art.DDr.phil. Hopfgartner B.A. Bericht 9412x gelesen

Salzburg [ENA] Heuer gedenkt die akademische und künstlerische Welt des 200. Todestages eines Mannes, der es als Musiker, Komponist, Astronom und Begründer der Kosmologie zu großem Ansehen gebracht hat – Anlass genug, um kurz auf das Leben des Künstlers und Wissenschaftlers und seine mannigfachen Leistungen zurückzublicken. Auf Gemälden wird er gern vor dem Sternbild der Zwillinge gezeigt, in welchem er 1781 den Uranus erspäht!

Friedrich Wilhelm Herschel wird am 15. November 1738 in Hannover geboren – als Sohn des Militärmusikers Issak Herschel und seiner Frau, Anna Ilse Moritzen. Zu dieser Zeit leben etwa 10.000 Menschen in der Stadt, wobei der Umstand, dass der Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg oder der König von Hannover gleichzeitig König von Großbritannien ist (Personalunion von 1714 bis 1837), der Stadt an der Leine nicht besonders guttut – sie verödet zusehends.

Das Jahr 1738: Johann Sebastian Bach ist seit 15 Jahren Thomaskantor und seit 9 Jahren Leiter des Collegium musicum in Leipzig. Bach verfasst 1738 die „Vorschriften und Grundsätze zum vierstimmigen Spielen des General-Bass oder Accompagnement“. Georg Friedrich Händel wohnt seit 15 Jahren in der 25 Brook Street in London; dort entstehen nahezu alle Werke, die er von 1723 bis zu seinem Lebensende komponiert. Im Dining Room der großzügigen Wohnung finden die Besprechungen und die Vorbereitungen der Aufführungen statt. Im Vauxhall Garden stellt der französische Bildhauer Louis-Francois Roubiliac eine Statue des deutschen Komponisten auf.

Nicht nur, dass das Denkmal zu Lebzeiten Händels aufgestellt wird, auch die Tatsache, dass mit dem Monument ein gebürtiger Deutscher (und nicht ein adeliger Engländer) geehrt wird, überrascht. Roubiliac stellt Händel übrigens als Orpheus dar. Georg Philipp Telemann ist seit 1721 Cantor Johannei, des humanistischen Gymnasiums und Director Musices in Hamburg; nebenbei leitet er bis 1738 die Oper am Gänsemarkt. In Paris werden seine Werke im „Concert Spirituel“ aufgeführt und machen ihn damit in ganz Europa bekannt. Antonio Vivaldi leitet seit 12 Jahren das Teatro Sant’ Angelo in Venedig. Als Komponist und Geigenvirtuose wird er in ganz Europa geschätzt, zahlreiche Schüler „pilgern“ zum Meister in die Lagunenstadt.

Der Musiker: Friedrich Wilhelm Herschel wird also in eine musikalische Welt „hineingeboren“; in seiner ärmlichen Kindheit erlernt er zunächst das Geigenspiel, später kommt die Oboe hinzu. Die Eltern entdecken, dass sich der junge Friedrich für die Mathematik und einige Sprachen interessiert, schon früh zeigen sich also verschiedene – und vor allem unterschiedliche Begabungen. Als Vierzehnjähriger tritt er als Geiger und Oboist in den Dienst der kur-hannoverschen Garde ein, wobei die Einheit nach kurzer Zeit nach England verlegt wird. Nachdem er Gefallen an seiner neuen Umgebung findet, wundert es nicht, dass er, nachdem er die Garde 1756 verlässt, mit seinem Bruder Jacob wieder nach London zieht.

Zunächst schlägt er sich als Notenkopist, Veranstalter von Subskriptionskonzerten und Organist durch, bevor er in Bath, einem seit der Antike bekannten Kurort nahe Bristol, Orchestermusiker wird. Er komponiert in der Tradition des norddeutschen empfindsamen Stils, seine Tonsprache ist gefühlsbetont und schlicht. Herschel orientiert sich damit an den neuen Anforderungen an die Tonkunst: Mit einer frischen Natürlichkeit und Einfachheit soll sich die Musik von der „Schwülstigkeit“ und Überspanntheit der barocken Polyphonie unterscheiden. Da nicht zuletzt durch die Ideen der Aufklärung ein neues Menschenbild entsteht, hat auch die Musik die Aufgabe den Menschen direkt zu berühren.

Während sich die Satztechnik vereinfacht, gewinnen Vorhalte und Seufzer, also musikalische Entsprechungen menschlicher Gefühle, an Bedeutung. Rasche dynamische Wechsel und unerwartete harmonische Entwicklungen lassen die Kompositionen Herschels auch für heutige Ohren noch hörenswert erscheinen. So werden einige Werke des Komponisten auch noch hin und wieder gespielt. Er verfasst mindestens 24 Symphonien, 12 Konzerte (vor allem für Oboe oder Violine), viele Kammermusik- und Orgelwerke (u.a. Fugen, Sonaten und Voluntaries).

Der Sternkundige: Ab 1770 frönt Herschel seiner zweiten Leidenschaft – der Astronomie. Ausgehend von den mathematischen Verhältnissen in der Musiktheorie, befasst er sich eingehend mit den Berechnungen astronomischer Verhältnisse und dem Bau diesbezüglicher Instrumente. Er beginnt mit dem Bau von Spiegelteleskopen, wobei ihm rasch klar wird, dass ein wachsender Durchmesser die optische Auflösung verbessert. Im Jahre 1781 gelingt ihm der Durchbruch: Er entdeckt den Uranus. Zuerst benennt er den Planeten nach dem König – „Georgium Sidus“ („Georgs Gestirn“) – muss dem Himmelskörper aber – so wie allen anderen – einen lateinischen Namen geben.

Immerhin wird er Mitglied der „Royal Society of London“ – und auch der König zeigt sich geehrt und großzügig: Er sagt Herschel eine jährliche Pension von 200 Pfund zu. Herschel entdeckt zudem die zwei Monde Titania und Oberon sowie das Ringsystem um den Uranus. Wenig später erspäht er auch die Saturnmonde Mimas und Enceladus. Nicht genug damit ist er neugierig, was es mit den „nebligen Himmelsobjekten“ auf sich hat. Er vermutet, dass es sich bei diesem Phänomen um weit entfernte Sternhaufen handelt und sie mit den zur Verfügung stehenden Instrumenten einfach nicht genau zu lokalisieren sind. Die um 1785 getätigte Hypothese stellt auf jeden Fall eine gleichsam gewagte wie brillante Annahme dar!

Überlegungen zur Statistik und zur Wahrscheinlichkeit helfen ihm die Verteilung der Fixsterne sowie ihre Zahl zu bestimmen. Indem er das Licht der Sonne durch ein Prisma lenkt und hinter dem (roten) Ende des sichtbaren Spektrums ein Thermometer anbringt, schließt er – nachdem sich die Temperatur erhöht – auf die Existenz einer Infrarotstrahlung. Außerdem interessiert er sich, ob die Aktivität der Sonne, insbesondere die Sonnenflecken, einen Einfluss auf das Klima und somit auf den Ertrag der Landwirtschaft haben. Auch wenn seine Berechnungen modernen Kriterien nicht standhalten, sind sie doch richtige Ableitungen.

Seine selbst gebauten Instrumente sind durchwegs Spiegelteleskope, wobei seine Spiegel aus einer besonderen Metall-Legierung gegossen werden. Sein größtes Teleskop (1789) hat immerhin einen Spiegeldurchmesser von 122 cm und eine Länge von 12 Meter. Er beobachtet beharrlich den nächtlichen Himmel und notiert jede Auffälligkeit. Zusammen mit seiner Schwester Caroline, die ihn sehr unterstützt, erstellt er die erste Karte des Universums. Ob nun – wie oft erzählt – der Musiker und Astronom den in England weilenden Josef Haydn zu dessen Oratorium „Die Schöpfung“ angeregt hat, lässt sich nicht bestätigen.

Tatsächlich weilt Haydn 1792 in Bath; er besucht dort den Kastraten und Gesangspädagogen Rauzzini – und auch das Haus Herschels, wo er die Teleskope des Forschers bestaunt. Da sich Herschel zu diesem Zeitpunkt jedoch auf Reisen befindet, scheint die Geschichte zwar schön erdacht, aber offensichtlich auch erfunden zu sein. 1820 wird Herschel – seit 1793 „Frederick William Herschel“ und britischer Staatsbürger – erster Präsident der „Royal Astronomical Society“. Hoch dekoriert und berühmt für seine Entdeckungen stirbt er 1822 in Slough, einem Vorort von London. Auf seinem Grabstein, der sich unter dem Turm der mittelalterlichen Kirche St. Laurence befindet, ist zu lesen: „Caelorum perrupit claustra“ („Er durchbrach die Grenzen des Himmels.“)

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