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Der Kuss - ein leibhaftiges Lippenbekenntnis!

Verantwortlicher Autor: Herbert J. Hopfgartner Salzburg, 05.02.2022, 13:35 Uhr
Presse-Ressort von: Prof.Mag.art.DDr.phil. Hopfgartner B.A. Bericht 12664x gelesen
"Der Kuss" - Ausschnitt (eig. "Das Liebespaar", Gustav Klimt, 1908/09)  Bild: The Kiss - Gustav Klimt - Google Cultural Institute.jpg

Salzburg [ENA] „Mit Küssen seines Mundes bedecke er mich. Süßer als Wein ist deine Liebe.“ Schon im Alten Testament (Hohelied Salomons) wird der Kuss poetisch und sehr empfindsam beschrieben. Die Anthropologie sieht den Sachverhalt dagegen gewohnt nüchtern und biologistisch.

Da der griechische Begriff für das Küssen, nämlich („phileīn“ = „lieben“), schon auf eine bewusste, emotionale und beabsichtigte Handlung deutet, ist die anthropologische bzw. verhaltensbiologische Hypothese, wonach das Küssen aus der Mund-zu-Mund-Fütterung früher Kulturen, mancher Naturvölker oder der Menschenaffen zu stammen scheint, ein wichtiger Hinweis. Während das Anbieten von Nahrung schon einen freundschaftlichen Akt der Kontaktbereitschaft und -aufnahme darstellt, ist das Vorschmecken und liebevolle Füttern von intensiver Fürsorge und Pflege geprägt.

Auf jeden Fall dürften das mit dem Kuss verbundene intensive Riechen, Schmecken und Tasten sowie der unbewusste Austausch von wichtigen Hormonen schon sehr lange wichtigen zwischenmenschlichen Funktionen, wie z.B. dem Aufbau von Beziehungen, gedient haben. Durch die intime Berührung wird die Qualität eines potenziellen Sexualpartners instinktiv erprobt und geprüft. Die Produktion und der Austausch von Sexualhormonen fördert die Lust und in weiterer Folge auch die Bereitschaft zur Fortpflanzung. Die Ausschüttung von Endorphinen stärkt die soziale Bindung, sowohl in der Mutter-Kind-Beziehung als auch innerhalb der Familie oder Sippe.

Offenbar existieren weltweit aber mehr Kulturen, in denen der zärtlich-innige Brauch des Küssens nicht üblich ist. Einige Zivilisationen empfinden anscheinend sogar einen Ekel bei der Vorstellung dieser Liebkosung, wobei sich die Abneigung vielleicht auch gegen die öffentliche und „entblößte“ Form der Zuneigung richtet. Einer Theorie (vgl. „National Geographic“, 2016) zufolge könnte sich die Geste einer gegenseitigen Berührung der Lippen auch als Statusverhalten höherer Gesellschaftsschichten entwickelt haben. In der Folge – so die Hypothese – hätte sich dieses Verhalten auch in unteren Bevölkerungsgruppen verbreitet; diese hätten mit der Übernahme des Brauches versucht sich sozial zu emanzipieren.

Homer kannte den Kuss als Zeichen einer starken Gefühlsregung, Aristophanes (um 450 v. Chr. – um 380 v. Chr.) immerhin schon den Liebeskuss. In der frühchristlichen Kirche bedeutete der Friedenskuss („osculum“), dass sich die Beteiligten völlig versöhnten – dieser Brauch hat sich in der orthodoxen Ostkirche in Form des Osterkusses erhalten. Merkwürdig und grotesk ist die Tatsache, dass der sozialistische Bruderkuss – man denke an das befremdliche Bild, als sich Leonid Breschnew und Erich Honecker öffentlich in Ostberlin (1979) küssten – sich aus dem ostkirchlichen Brauch des Osterkusses entwickelte. Der Judaskuss schließlich bezeichnet den Kuss, den Judas Iskariot Jesus Christus gab, um ihn an die Schergen der Hohepriester auszuliefern.

Im Mittelalter besiegelte ein Kuss die Abhängigkeit und Verbundenheit zwischen Lehensherr und Untergebenen. Ein Kuss zwischen Verlobten lässt sich ebenfalls schon als rechtlich verbindliches Zeichen nachweisen. Von William Shakespeare („Troilus und Cressida“, 1603) ist der Spruch „Both give and take“ bekannt: Der konsensuale, also einvernehmliche und freiwillige Charakter der Handlung lässt aufhorchen: Zumindest bei der Zeremonie schien es damals wenig gesellschaftliche Zwänge und hierarchische Unterschiede gegeben zu haben.

Zweifellos ist das kulturelle Umfeld entscheidend, wie ein Kuss – ob nun als freundschaftliche Geste der Begrüßung und Verabschiedung oder als sexuelle Handlung – angesehen wird. Zwei Beispiele mögen die Schwierigkeit einer Deutung veranschaulichen: (1) Der britische Entdecker William Winwood Reade erzählte in seinem Reisebericht (1864), dass er sich auf einer Afrikareise in eine Prinzessin verliebt hatte und jene nach wochenlangen Avancen vorsichtig küssen wollte. Die afrikanische Prinzessin lief in Panik davon – in dem Glauben, dass der Europäer, einem Kannibalen gleich, sie augenblicklich verspeisen wollte.

Zwei völlig unterschiedliche Zivilisationen prallten in dem Moment eines vertraulichen Tête-à-Tête („Kopf an Kopf“) aneinander, wobei „das Barbarische“ wahrscheinlich immer dem anderen vorgeworfen wurde… (2) Der berühmte österreichisch-amerikanische Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut und Philosoph Paul Watzlawick analysierte das Paarungsverhalten amerikanischer Soldaten in England nach dem Zweiten Weltkrieg („Menschliche Kommunikation“, 1967/1969). Die GIs berichteten übereinstimmend, dass die englischen Mädchen ziemlich leicht zu verführen waren, während die britischen Frauen allzu stürmische Amerikaner erwähnten.

Des Rätsels Lösung? Während das Küssen für die amerikanischen Männer eine eher belanglose und geringfügige „Annäherung“ bedeutete, besagte dasselbe Verhalten für die englischen Mädchen etwas Besonderes, Intimes und Erotisch-Eindeutiges. Missverständnisse und Enttäuschungen waren naturgemäß die unausweichliche Folge. Wenn in annähernd gleichen Kulturen (Westeuropa / USA) eine Handlung so verschieden ausgelegt wird, darf es nicht wundern, wenn die menschliche Kommunikation, und im speziellen Fall die Bedeutung eines Kusses, für so viele Meinungsverschiedenheiten und Fehlschlüsse sorgt.

Während in einem US-Bundesstaat die pornographische Industrie allgegenwärtig ist und für Milliardenumsätze sorgt, ist ein öffentlicher Kuss von Nichtverheirateten in einem anderen Bundesstaat verboten. 1968 kam es – ebenfalls in den USA – zum ersten „Fernsehkuss“ zwischen Schwarz und Weiß. Obwohl die Szene nicht explizit gezeigt wurde (ein Kopf verdeckte die Sicht auf die Küssenden), untersagten viele Südstaaten die Ausstrahlung der Episode (Raumschiff Enterprise, Staffel 3, Folge 10, „Platons Stiefkinder“)!

Die erotische bis sexuelle Konnotation des Küssens wird auch in liberalen Ländern kontrovers diskutiert. Viele Menschen sehen einen innigen Kuss als (angemessenes) Zeichen einer romantischen und partnerschaftlichen Liebesbeziehung, wobei eine allzu öffentliche Zurschaustellung dieser vertraulichen Geste nicht überall goutiert wird. Tolerante und generöse Zeitgenossen billigen den Verliebten freilich dieses unkonventionelle Verhalten zu. Liebe macht ja bekanntlich blind… Einen flüchtigen, zwei- bis vierfachen (!) Wangenkuss als Begrüßung akzeptiert man hingegen fast überall – die regionalen Unterschiede in der Anzahl der Berührungen erschweren zugegebenermaßen die jeweils statthafte Etikette.

Gleichgeschlechtliche Paare müssen bei öffentlichen Küssen und Liebkosungen hingegen offene Anfeindungen, lautstarke Kritik oder sogar gewalttätige Übergriffe fürchten. In einigen Ländern droht den Wagemutigen sogar die Todesstrafe. Dass im Mainstream-Kino derartige Szenen ausgespart werden, darf angesichts der Aggressivität der Kritiker nicht wundern. Warum in der Prostitution das Küssen eine deplatzierte und nicht „käufliche“ Handlung darstellt, ist nicht restlos geklärt. Neben hygienischen, also gesundheitlichen Gründen spielen möglicherweise auch traditionelle Motive eine Rolle.

Nachdem schon der Brauch des Verlobungskusses bis ins Römische Reich zurückreicht, und der Kuss sogar in der christlichen Kirche im Rahmen der Hochzeit („Sie dürfen die Braut jetzt küssen!“) nicht nur respektiert, sondern auch „gefordert“ wird, versteht der Großteil der Gesellschaft den Kuss als gefühlvolles und echtes Zeichen der Zuneigung und eben nicht nur als Teil einer „käuflichen Liebe“, die als minderwertig und anstößig angesehen wird. Wenn sich alte Menschen in der Öffentlichkeit küssen, empfinden dies viele jüngere als peinlich und unangenehm. Offenbar glauben gerade Jugendliche, dass Menschen, die so alt wie ihre eigenen Eltern sind, keine sinnlichen Begehrlichkeiten mehr spüren.

Auch der Kuss als Ehrerbietung hat eine lange Tradition: Der Mann von Welt begrüßt die Dame des Hauses mit Verneigung und Handkuss, wobei er sich sogar – als Zeichen der Untertänigkeit – hinkniet. Mit der (gespielten) Geste der Unterwerfung will man(n) vielleicht Eindruck schinden oder einen „Minnedienst“ leisten – und sich dabei freilich selbst zum Ritter schlagen. Als Karikatur wird diese Attitüde noch in verschiedenen Tanzschulen gelehrt – fraglich ist allerdings, ob die Beteiligten die Herkunft, Überlieferung und Bedeutung der Bewegungen verstehen wollen.

Natürlich erinnern diese Szenen an den obligaten Ringkuss, der in hierarchischen Systemen (Adel, Kirche) jahrhunderte lang üblich war, wobei diese Zeremonien da und dort (Krönungen, Weihen) noch immer praktiziert werden. Eine besondere Form dieses Kusses ist von Papst Johannes Paul II. bekannt, der den Boden eines Landes, welches er zum ersten Mal besuchte, küsste. Dass zu diesem Zweck an den Flughäfen der vorher bestimmte Platz sorgfältig gewaschen und geputzt wurde, versteht sich von selbst.

Im Ritus des Gottesdienstes ist es nach wie vor üblich, dass der Priester zu Beginn der Feier den Altar und nach der Verkündigung des Evangeliums die Bibel küsst. Dies wird als Zeichen für die Gegenwart Christi verstanden: Der geweihte Priester zelebriert die symbolische Vereinigung von Atem und Atem (Geist und Geist) oder aber die Verbindung des Menschen mit dem göttlichen Odem. Dieser spirituelle Kuss verbindet Ehrfurcht, Demut und Hingebung und entbehrt jeden erotischen Hintergedanken.

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