Montag, 06.07.2020 00:31 Uhr

Der „kleine Mann“ und die Elite

Verantwortlicher Autor: Herbert J. Hopfgartner Salzburg, 19.01.2020, 19:48 Uhr
Presse-Ressort von: Prof.Mag.art.DDr.phil. Hopfgartner B.A. Bericht 11042x gelesen

Salzburg [ENA] Ist der "kleine Mann" nun der soziologisch normierte Durchschnittsmensch - oder ist er ein Phantom? Herbeigeredet von denen, die ganz wo anders - vielleicht sogar "oben" sitzen? Bemerkenswert erscheint, dass die "Elite", also Akademiker und Gutverdiener - eine Bevölkerungsschicht, die durch ein hohes Bildungsniveau und eine überdurchschnittliche Karriere verfügt, ihren ehemals guten Ruf veloren zu haben scheint.

Etymologisch betrachtet bezeichnet das Wort Elite die „Auswahl der Besten“, während die Intellektuellen von der Wortbedeutung her mit einem „Erkenntnisvermögen“ ausgestattet oder sogar imstande sind „zwischen den Zeilen“ zu lesen. Merkwürdig und verwunderlich ist die Tatsache, dass sowohl die Elite als auch die Intellektuellen – also die Gelehrten, Künstler, Wissenschaftler, mit anderen Worten die „Geistesarbeiter“ – schuld an politischen Entwicklungen der letzten Jahre sein sollen.

Sie seien abgehoben, wird ihnen vorgeworfen, viel zu weit von den wahren Problemen des Lebens entfernt; sie würden sich mit exotischen Dingen, wie z.B. dem Abschmelzen der Polkappen, der Gleichberechtigung von Transsexuellen, dem Verschwinden von Urwaldkulturen und mit unverständlicher, hoch subventionierter zeitgenössischer Kunst beschäftigen. Die Sorgen des kleinen Mannes hingegen würden sie wenig kümmern.

Wer ist nun dieser kleine Mann und sein weibliches Pendant, die kleine Frau? Im Wörterbuch der Ideomatik wird er als „wenig einflussreich, finanziell nicht besonders gut gestellter Durchschnittsmensch“ beschrieben. Er arbeitet relativ viel, kann sich aber immer weniger leisten. Karrierepläne werden eigentlich nie geschmiedet, mit der Wirklichkeit hat er sich mehr oder weniger arrangiert. Nach dem Horizont der Entwicklung und Veränderung, sowohl in beruflicher wie persönlicher Hinsicht, schielt er nicht.

Es scheint ihn schon lange zu geben, auch literarisch wurde er mannigfaltig verewigt: Woyzeck (Georg Büchner), Josef K. (Franz Kafka), Franz Biberkopf (Alfred Döblin) und Herr Pinneberg (Hans Fallada) sind die Bekanntesten. Ebenso die Diktion der damit Gemeinten hat sich nicht allzu sehr verändert: „Mit den kleinen Leuten tun die oben, was sie wollen“, „sie zahlen immer die Zeche“ und „sie haben die Arschkarte gezogen.“

Natürlich macht es einen Unterschied, ob die Etikettierung kleiner Mann eine Selbstbeschreibung darstellt oder eine Fremdbeschreibung, die andere augenscheinlich auf ihre Plätze verweist – Zweiteres ist verachtenswert, Ersteres überraschenderweise gar nicht selten zu finden. Durch das geringe Selbstwertgefühl und die Angst vor dem Fremden und dem gesellschaftlichen Wandel grenzt sich der kleine Mann auch doppelt ab: Von denen da oben und von denen, die noch weiter unten sind (Obdachlose, Bettler, Migranten…). So eignet sich die soziale Figur als rhetorischer Anzug, in den man – sich entweder zum Opfer oder Biedermann machend – abwechselnd schlüpfen kann.

Interessanterweise haben sich die kleinen und einfachen Leute in der Geschichte kaum solidarisiert, haben fast nie ihre Stimme erhoben und kaum Revolutionen angezettelt. Gleichwohl sind viele von ihnen unzufrieden und träumen von großen nationalen Siegen: vornehmlich am Fußballplatz oder am Stammtisch des letzten Wirtshauses im Dorf, wobei sich die Lauten hier vermutlich schon aufgrund ihrer Lautstärke „stark“ fühlen. In der Stille der Wahlzelle wählen sie nicht selten reaktionär bis rechtskonservativ; hier können sie, unerkannt und namenlos, dem Establishment einen deftigen Denkzettel verpassen.

Dass sie sich in der Folge oft nur noch mehr versklaven (ihre gewählte Partei entpuppt sich überraschenderweise als neoliberal und unsozial), ist ihnen am Abend der Wahl kaum bewusst, vielleicht wollen sie es auch gar nicht wissen. Hauptsache, die politischen Eliten – also „die da oben“ – haben ihre Ohrfeige bekommen. Engagierten Journalisten ist in den letzten Jahren mehrfach der Beweis gelungen, dass gefilterte und personalisierte Informationen im WWW systematisch und vorsätzlich dafür eingesetzt wurden, um arglose und leichtgläubige Nutzer in ihrer politischen Überzeugung zu manipulieren (Präsidentenwahlen in den USA, Abstimmungen zum Brexit…).

Auch wenn manche Zeitgenossen mit einer verzerrten oder verfälschten Weltsicht, oder zumindest mit einem Naheverhältnis zu obskuren Verschwörungs¬theorien für irrationale Ängste und hinterhältige Fake News leichter zugänglich zu sein scheinen, wird man in Diskussionen regelmäßig stutzig, weil gut zu beobachten ist, wie konsequent diese Menschen einem differenzierten und umfassenden Zugang zu den Problemen unserer Zeit respektive einer komplexen Ursachenforschung ablehnend gegenüber stehen – möglicherweise siegt deren Bequemlichkeit nicht weiter nachdenken zu müssen über die Anstrengung, selbst nach wohl überlegten Antworten, vielschichtigen Diskussionsbeiträgen und diffizilen, also schwierigen und komplizierten Lösungen zu suchen…

Im Schutze der Anonymität bzw. einer falschen Identität machen ja nicht nur zweifelhafte Organisationen, sondern auch so genannte einfache Menschen aus dem Volk (häufig eine Eigendefinition!) mit gezielten Hasspostings, obszönen und rassistischen Verleumdungen, aber auch böswilligen Unterstellungen oder puren Fälschungen Stimmung und damit Politik – interessanterweise auch jene, die unentwegt und überall harte Maßnahmen des Rechtsstaates einfordern! Die anfängliche Euphorie um das Internet, wonach jeder im demokratischen Diskurs zur Urteilsfindung eines Problems etwas beitragen könne, ist mittlerweile einer Desillusion gewichen.

Populistische Politiker betonen gerne und unablässig, dass sie, pardon, nur sie auf der Seite des kleinen Mannes stünden, obwohl sie doch selbst schon längst zum Establishment zählen. Sie würden „mit Hausverstand“, „einfach und ehrlich“, Politik für die „Leute auf der Straße“, mit anderen Worten für „ihr Volk“ machen. Wie und mit welchen Programmen – das verschweigen sie fast immer. Allein, sie wissen, wer den Karren in den Dreck gezogen hat. Es sind – unschwer zu erraten – die Eliten, die Intellektuellen, es ist das „alte“ Establishment.

Dass nicht wenige Parteien und Institutionen, die in der Geschichte vorgaben sich für den kleinen Mann einsetzen zu wollen, denselben nur als Legitimationsmodell für ihren eigenen Vorteil missbraucht haben und (ganz nebenbei) auf die Meinung desselben ja nur dann Wert gelegt haben, wenn er ihren Forderungen blindgläubig zugestimmt hat, sollte nachdenklich machen. Tut es aber nicht! Populisten bedienen so laut wie schon seit 80 Jahren nicht mehr die Ressentiments der kleinen Leute und geben vor, sie würden lediglich das aussprechen, was die schweigende Mehrheit ohnehin denkt.

Die Strategie scheint klar: Aus der Heterogenität der Gesellschaft versuchen sie eine vermeintliche Homogenität des Volkes zu formen – gleichzeitig verkünden sie, dass sie dessen Anwalt und Sprachrohr sind! Da gibt es Freund und Feind, dafür und dagegen, weiß-schwarz, sonst nichts. Keine Grautöne oder farbige Zwischenstufen, keine Ambivalenzen. Auch kein Zuhören, Überlegen und Abwägen. Dafür einfache Parolen: Parlament auflösen, Unis zusperren, Medien zensieren, Polizei aufmarschieren lassen, Grenzen schließen, zurückschießen…

Jean Paul Satre sprach 1974 davon, dass es „die vornehmste Aufgabe des Intellektuellen sei, sich in Dinge einzumischen, die ihn nichts angehen.“ Oft war diese Kritik unangenehm, aber – sie wurde vielfach wahrgenommen. Mancherorts entwickelten sich Bürgerinitiativen, anderswo alternative politische Gruppierungen. Man demonstrierte, streikte und stellte nachvollziehbare Forderungen an die Regierenden. Die „Aufregung der Intellektuellen“ (Jürgen Habermas) wurde nicht nur gehört, sie wurde akzeptiert! Das scheint heute zu fehlen.

- Dass die acht reichsten Männer (die Zahl und das Geschlecht sind schon fatal!) so viel wie oder mehr besitzen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, macht fassungslos und wütend. - Dass global tätige Konzerne kaum Steuern zahlen, weil sie ihr Firmengeflecht in unüberschaubare finanztechnische Schlupflöcher versteckt haben und (abhängig gemachte) Politiker diese Praktiken decken, ebenso. - Dass mafiöse und global agierende Syndikate mit Drogen- und Menschhandel, der „Entsorgung“ von Giftmüll, Produktfälschereien und Cyberkriminalität Milliarden umsetzen, wobei sogar Regierungsmitglieder mehrerer europäischen Staaten mehr oder weniger in die Machenschaften dieser hochkriminellen Verbindungen involviert sind, entsetzt viele.

Probleme gäbe es also genug, für die man auf die Straße gehen sollte oder müsste! Für Kopfschütteln sorgt dabei der Umstand, dass auch linke Parteien, also politische Vereinigungen, die sich in der Vergangenheit für Solidarität und Chancengleichheit eingesetzt haben, in Europa offenbar taub und blind für neue soziale Ungerechtigkeiten sind. Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich muss man die Sorgen des kleinen Mannes (Angst vor der Altersarmut, Globalisierung, Verlierer der Modernisierung zu sein, Gefühl zunehmender Kriminalität, Ghettoisierung von bestimmten Stadtteilen…) ernst nehmen und verstehen, sie können nicht leichtfertig als kleinbürgerlicher Wohlstandschauvinismus abgetan werden.

Aus der leisen Klage sollte allerdings ein lauter Protest werden, aus der Ignoranz der unbedingte Wille zur demokratischen Veränderung! Ein autoritärer Ruck wird der breiten Masse wohl wenig bringen: Die, die brandstiftend und pöbelhaft auf die Elite schimpfen, träumen ja insgeheim (oder offen) wiederum nur von der Macht über die Gesellschaft. Vielleicht sollten sie einmal überlegen, warum sie nicht zur wirklichen Elite gehören – und nie gehören werden? Einer demokratisch gesinnten Gesellschaft wäre anzuraten, nicht auf Demagogen und deren Worthülsen, sondern vielleicht wieder einmal auf Geistreiche, Intellektuelle und auf deren leise, aber weise Worte zu lauschen, die momentan im Gebrüll narzisstischer Selbstdarsteller unterzugehen drohen.

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